Kino und Helden

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Erstelle einen vollständigen MediaWiki-Seitetext (Version 1.15) zu folgendem Thema: philosophisch, kultur-/filmkritische Erörterung des Zusammenhang zwischen einer Erwartungshaltung der Bevölkerung bei Militäreinsätzen und dem Heldenbild, das von Hollywood Actionfilmen reproduziert wird. Lege besonderen Wert auf die Erfahrung, dass in diesen Filmen die Helden oft unhinterfragt  gewaltige Zerstörungen und große Opferzahlen bewirken, die jedoch nie thematisiert werden, sondern durch den Erfolg und das Erreichen des Ziels des Helden überdeckt werden. Dieser Plot wird auch in realen Militäreinsätzen genutzt, um Kollateralschäden unsichtbar zu machen. Die Filmkonsumenten werden an ein Heldenbild gewöhnt, bei dem die Frage nach der Verhältnismäßigkeit nicht mehr gestellt wird. Gewalt als Lösung für ein konkretes Hindernis ist in diesen Filmen gängige Praxis und wird zu einem archetypischen "normalen" Verhalten in Krisensituationen. Beziehe dich in den Text auf konkrete Filme wie Dirty Harry, Rambo, Kill Bill, Mission impossible, stirb langsam u.a.. Stelle die Aussage insbesondere in Beziehung zu den Irak-Kriegen, dem Krieg gegen den Terror und dem aktuellen Krieg der USA und Israels gegen den Iran. Beginne den Text mit der Wiedergabe dieser Themenstellung.
 
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Schreibstil: leicht polemisch, Stil Alfred Polgar und Kurt Tucholsky
 
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==Der Held==
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== Themenstellung ==
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Der [[from Zero to Hero|Held]] tötet, und niemand fragt nach. Die Kamera schwenkt auf das Ziel, das erreicht wurde. Die Leichen im Hintergrund sind Requisite. Das Publikum applaudiert. – So ungefähr lässt sich jener kulturelle Mechanismus beschreiben, um den es auf dieser Seite geht: die systematische Konditionierung westlicher Gesellschaften durch das Heldenbild des Hollywood-Actionkinos, das Gewalt als selbstverständliches, unhinterfragtes Problemlösungsinstrument normalisiert – und das, so die hier entfaltete These, unmittelbare Konsequenzen für die öffentliche Akzeptanz realer Militäreinsätze hat. Wer jahrzehntelang gelernt hat, dass der Held am Ende Recht bekommt, weil er siegt, der fragt nicht mehr, wie viele Menschen dabei sterben mussten. Dieser Mechanismus ist kein Zufall. Er ist Programm.
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== Das Heldenbild als kulturelle Infrastruktur ==
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Die folgende Erörterung stellt einen Zusammenhang her zwischen dem '''Heldenbild''', das der Hollywood-Actionfilm seit Jahrzehnten mit industrieller Zuverlässigkeit reproduziert, und der '''Erwartungshaltung der Bevölkerung''' gegenüber militärischen Einsätzen des Staates. Im Mittelpunkt steht die Beobachtung, dass in diesen Filmen Helden gewaltige Zerstörungen und erhebliche Opferzahlen verursachen – und dass diese Opfer nie thematisiert, nie betrauert, nie bilanziert werden. Der Erfolg des Helden deckt alles zu. Was im Kino funktioniert, wird in der politischen Kommunikation über Kriege und Militäroperationen systematisch angewendet: Die eigentliche Rechnung – Tote, Verletzte, zerstörte Infrastruktur, traumatisierte Bevölkerungen – bleibt unsichtbar, solange das Ziel erreicht scheint. Hinzu kommt ein Befund, den die Seite [[Wie der IS amerikanische Werte verteidigt]] auf technikundkultur.de formuliert: Terroristische Organisationen wie der Islamische Staat nutzen '''dieselben ästhetischen Mittel wie Hollywood-Actionfilme''' – und berufen sich dabei auf dieselben Grundwerte. Wer das nicht zynisch findet, hat entweder zu wenig nachgedacht oder zu viele Actionfilme gesehen.
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Bevor man über Irak spricht, muss man über Harry Callahan sprechen. ''Dirty Harry'' (1971, Regie: Don Siegel) etablierte jenen Typus des Actionhelden, der bis heute gültig ist: ein Mann, der die Regeln kennt, sie aber bricht, weil er – und nur er – weiß, was wirklich getan werden muss. Das Gesetz ist ein Hindernis. Die Bürokratie ist feige. Die Moral der anderen ist naiv. Harry schießt. Harry hat Recht.
 
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Was dieser Film kulturell installierte, war nicht einfach ein Charakter. Es war eine '''epistemische Struktur''': der Held als derjenige, dessen Gewaltanwendung per definitionem gerechtfertigt ist, weil er das Böse kennt und wir ihm vertrauen. Die Frage, ob die Verhältnismäßigkeit gewahrt wurde, stellt der Film gar nicht erst – sie ist bereits durch die Erzählkonstruktion ausgehebelt. Der Zuschauer weiß, dass der Geiselnehmer böse ist. Also darf Harry alles. Und der Zuschauer fühlt sich dabei gut.
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{{KI-Bild|satz_sieg_held.png|400|Der Held und sein Sieg}}
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Dieses Muster wiederholt sich mit bemerkenswert mechanischer Regelmäßigkeit:
 
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In der ''Rambo''-Reihe (ab 1982) hinterlässt John Rambo buchstäblich Landschaften der Verwüstung. Ganze Dörfer brennen, Dutzende sterben. Die Kamera zeigt das als Befreiung. Die vietnamesische Zivilbevölkerung existiert als Kulisse.
 
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In ''Stirb langsam'' (1988) verwandelt John McClane ein Hochhaus, später einen Flughafen, schließlich eine halbe Stadt in Trümmerzonen. Niemand fragt nach den Versicherungsschäden, den Traumata der Überlebenden, den toten Unbeteiligten.
 
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Die ''Mission: Impossible''-Reihe (ab 1996) operiert mit dem ästhetischen Hochglanz postmoderner Gewalt: Explosionen als Choreographie, Tod als Spektakel, Kollateralschäden als Stilmittel.
 
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''Kill Bill'' (2003/2004) radikalisiert das Prinzip ins Kunsthafte: Quentin Tarantino destilliert die Gewalt zur reinen Form, befreit sie von jedem moralischen Kontext – was als Ironie gemeint sein mag, aber als kulturelles Sediment bleibt.
 
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In all diesen Filmen gilt eine eiserne Erzählregel: '''Der Zweck heiligt die Mittel, sofern der Zweck sympathisch ist.''' Und Sympathie wird nicht argumentativ, sondern ästhetisch hergestellt. Wir mögen den Helden, also billigen wir seine Methoden.
 
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== Die unsichtbaren Toten: Kollateralschaden als narratives Prinzip ==
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Es gibt eine Szene, die in keinem dieser Filme vorkommt: die Szene danach. Nachdem die Explosion verebbt ist, nachdem der Schurke tot ist, nachdem der Held – verwundet, aber triumphierend – in die Kamera blickt. Die Szene, in der jemand die Leichen zählt. In der jemand fragt: Wer waren diese Menschen? Hatten sie Familien? Hätte es einen anderen Weg gegeben?
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== Der Held als Exportartikel ==
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Diese Szene existiert nicht. Und ihre Abwesenheit ist das eigentliche ideologische Fundament des Genres.
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Hollywood hat im 20. Jahrhundert eine der wirkungsmächtigsten Exportwaren der amerikanischen Zivilisation hervorgebracht: den '''[[from Zero to Hero|einsamen, entschlossenen Helden]]''', der mit Gewalt das Richtige tut. Dieser Held ist kein Komplize von Systemen. Er ist das System – oder vielmehr: Er ist die höhere Instanz, die eintritt, wenn das System versagt. Er braucht keine Genehmigung. Er kennt keine Verhältnismäßigkeit. Er hat keine Zeit für Zweifel. Und am Ende – das ist entscheidend – hat er '''recht behalten'''.
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;Kollateralschaden :Im militärischen Jargon bezeichnet der Begriff zivile Opfer und Sachschäden, die ''neben'' dem eigentlichen Ziel eines Angriffs entstehen. Das Wort ist bereits in seiner Struktur eine Unsichtbarmachung: Es erklärt das Unbeabsichtigte zum Nebensächlichen, das Sächliche zum Begleitumstand.
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Dieses Bild ist kein Zufall. Es ist das Destillat einer sehr amerikanischen Weltanschauung: das Individuum als moralische letzte Instanz, Gewalt als legitimes Instrument der Selbstverteidigung, die eigene Wertgemeinschaft als natürlicher Mittelpunkt des Universums. Der Rest der Welt darf mitspielen – als Kulisse, als Opfer oder als Feind.
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Das Actionkino hat diese Logik über Jahrzehnte geübt und verfeinert. Der Zuschauer lernt, die Frage nach den Opfern nicht zu stellen nicht aus Bosheit, sondern weil das Narrativ diese Frage strukturell verhindert. Die Kamera schneidet weg. Der Soundtrack schwillt an. Der Held geht weiter. Was zurückbleibt, ist nicht Teil der Geschichte.
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Was in den 1960er und 1970er Jahren noch gelegentlich gebrochen und ambivalent erzählt wurde – man denke an die ersten ''Dirty Harry''-Filme, in denen die Frage, ob Harry Callahan ein Held oder ein Faschist sei, zumindest noch gestellt wurde –, ist seither zur reinen Affirmation geronnen. Die Frage wird nicht mehr gestellt. Sie ist obszön geworden.
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Man betrachte das Finale von ''Rambo III'' (1988): Rambo und sein afghanischer Verbündeter reiten in den Sonnenuntergang, während im Hintergrund – buchstäblich – Trümmer glühen. Der Film endet mit einer Widmung an die ''tapferen Mudschaheddin Afghanistans''. Dreizehn Jahre später waren ebenjene Mudschaheddin, deren Ausbildung die CIA finanziert hatte, als Taliban weltbekannt. Der Film wusste das natürlich nicht – aber er illustriert, mit welcher Sorglosigkeit das Genre mit historischen und politischen Wirklichkeiten umgeht.
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Diese Sorglosigkeit ist kein Versehen. Sie ist '''Methode'''. Das Kino produziert keine Propaganda im vulgären Sinne des Wortes. Es produziert etwas Subtileres und Wirksameres: eine emotionale Grammatik, in der Gewalt die natürliche Antwort auf Bedrohung ist, in der Opfer unsichtbar sind, solange sie auf der falschen Seite stehen, und in der der Erfolg des Helden retrospektiv alle Mittel rechtfertigt.
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== Dirty Harry oder: Die Verhältnismäßigkeit als Zumutung ==
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== Von Hollywood nach Bagdad: Die politische Verwertung des Heldenbildes ==
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Don Siegels ''Dirty Harry'' (1971) gilt als Urtext des modernen amerikanischen Actionhelden. Harry Callahan, gespielt von Clint Eastwood, ist ein Polizist, der sich um Recht und Gesetz nur so weit schert, wie es ihm nützt. Was ihn interessiert, ist '''das Ergebnis'''. Der Schurke muss aufhören zu schurken. Wie das geschieht, ist eine Frage des Temperaments, nicht der Legalität.
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Als die USA im März 2003 in den Irak einmarschierten, nannten sie die Operation ''Shock and Awe'' – ''Schock und Ehrfurcht''. Der Begriff entstammt einer Militärdoktrin, die auf überwältigende, psychologisch lähmende Gewalt setzt. Man darf sich fragen, ob die Militärstrategen, die diesen Begriff wählten, sich bewusst waren, dass er auch als Titel eines Actionfilms funktioniert hätte.
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Das Interessante an ''Dirty Harry'' ist, dass der Film 1971 noch in einem gesellschaftlichen Klima produziert wurde, das diese Figur zumindest diskutiert hat. Pauline Kael, die große amerikanische Filmkritikerin, nannte ihn offen faschistoid. Das war damals noch möglich. Heute würde man für eine solche Aussage als humorloser Moralritter abgetan.
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Die Bush-Regierung betrieb bei der Vorbereitung des Irakkrieges eine Öffentlichkeitsarbeit, die in bemerkenswertem Maße die Erzählstrukturen des Actionkinos bediente:
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Was der Film aber bereits mustergültig etabliert: '''Die Opfer der Hauptfigur verschwinden aus dem Bild.''' Harry schießt. Autos explodieren. Schurken sterben. Die Businsassen, die Passanten, die zufällig im Weg stehende Bedienung – sie erscheinen kurz und verschwinden dann. Das moralische Gewicht des Helden liegt einzig in seiner Absicht, nicht in seinen Nebenwirkungen.
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Ein klar definierter Bösewicht (Saddam Hussein), dessen Böswilligkeit außer Frage stand.
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Eine unmittelbare, existenzielle Bedrohung (Massenvernichtungswaffen), die sofortiges Handeln erforderte.
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Ein entschlossener Held (die USA, die ''Koalition der Willigen''), der bereit war, das Richtige zu tun, auch wenn die Welt es nicht verstand.
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Ein versprochenes Ende, nach dem alles besser sein würde.
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Dieses Narrativ funktionierte. Die Mehrheit der US-amerikanischen Bevölkerung unterstützte den Krieg zunächst. Die Medien, insbesondere die televisuellen, begleiteten den Einmarsch mit einer Ästhetik, die an Computerspiele und Actionfilme erinnerte: Nachtsichtgeräte, Explosionen aus sicherer Distanz, Piloten, die über ihre ''Treffer'' berichteten, als sprächen sie über Spielzüge.
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Was nicht gezeigt wurde – was das Narrativ strukturell ausschloss –, waren die irakischen Zivilisten. Laut der Studie des '''Iraq Body Count Project''' starben zwischen 2003 und 2011 mindestens 103.000 dokumentierte Zivilisten durch direkte Gewalt. Die tatsächliche Zahl, unter Einbeziehung indirekter Kriegsfolgen, dürfte um ein Vielfaches höher liegen. Diese Menschen kamen in der öffentlichen Debatte des ''war on terror'' kaum vor. Sie waren Kollateralschaden. Sie waren die Szene, die nicht gezeigt wird.
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== Rambo oder: Der Krieg wird nachträglich gewonnen ==
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Der ''Krieg gegen den Terror'' (ab 2001) radikalisierte diese Logik ins Globale. Der Feind war nun nicht mehr ein Staat, sondern ein Konzept – ''Terror'' – was die Möglichkeit eines definierten Endes strukturell ausschloss. Ein Held, der gegen einen Bösewicht kämpft, kann siegen. Ein Held, der gegen eine Abstraktion kämpft, kämpft ewig. Das war, wie sich zeigen sollte, auch die politische Funktion des Narrativs.
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''Rambo: First Blood Part II'' (1985) ist vielleicht das kompromissloseste Beispiel für die Mythologisierung des amerikanischen Helden als Instrument der nachträglichen Geschichtskorrektur. John Rambo, von Sylvester Stallone mit der Eloquenz eines Presslufthammers verkörpert, kehrt nach Vietnam zurück, um amerikanische Kriegsgefangene zu befreien – und dieses Mal, so die implizite Botschaft, '''gewinnen wir'''.
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== Der gegenwärtige Krieg und die Erschöpfung der Fiktion ==
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Der Vietnam-Krieg, der als militärisches und moralisches Desaster in das kollektive Gedächtnis eingegangen ist, wird filmisch umgedeutet: Nicht die Strategie war falsch, nicht der Krieg war falsch – '''die Politiker haben die Hände gebunden'''. Rambo tötet Hunderte von Feinden, sprengt halbe Dörfer in die Luft, hinterlässt eine Trümmerwüste – und gilt als Retter. Die vietnamesische Zivilbevölkerung existiert in diesem Film als Staffage. Ihre Toten interessieren niemanden.
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Im Jahr 2025 führen die USA und Israel einen Krieg gegen den Iran – zunächst als verdeckte Operation, dann als offener Angriff auf iranische Nuklearanlagen. Die öffentliche Kommunikation beider Regierungen bedient sich, mit atemberaubender Unverfrorenheit, exakt jener Erzählmuster, die das Actionkino über fünf Jahrzehnte eingeübt hat.
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Dieser Film hat eine politische Funktion gehabt, die weit über das Kino hinausging. Ronald Reagan zitierte Rambo in Pressekonferenzen. Das war keine Ironie. Das war Medienpolitik.
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Israel spricht von '''präzisen chirurgischen Schlägen''' gegen militärische Ziele. Die USA betonen, man handle in '''Selbstverteidigung''' und zum '''Schutz der regionalen Stabilität'''. Der Feind wird dämonisiert: das Mullah-Regime, die Revolutionsgarden, die Achse des Bösen in ihrer neuesten Inkarnation. Die Narrative sind vertraut. Sie sind es, weil wir sie kennen. Wir haben sie im Kino gelernt.
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Was nicht thematisiert wird – was das Narrativ aktiv verhindert –, ist die Frage nach der '''Verhältnismäßigkeit'''. Diese Frage ist die eigentliche philosophische und rechtliche Kernfrage jedes Krieges: Steht der angerichtete Schaden in einem vertretbaren Verhältnis zum angestrebten Ziel? Sie wird nicht gestellt, weil jahrzehntelange Konditionierung durch das Actionkino sie als naive, ja feige Frage erscheinen lässt. Der Held fragt nicht nach Verhältnismäßigkeit. Der Held handelt.
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== Stirb langsam oder: Die Stadt als Verbrauchsmaterial ==
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''Dirty Harry'' hat uns gelehrt, dass Bürokraten, die Verfahren einhalten wollen, das Problem sind. ''Mission: Impossible'' hat uns gelehrt, dass die offizielle Version immer falsch ist und nur der Einzelkämpfer die Wahrheit kennt. ''Rambo'' hat uns gelehrt, dass Niederlage nur durch mangelnden Willen entsteht. Und alle zusammen haben uns gelehrt, dass '''Gewalt, wenn sie vom Richtigen ausgeübt wird, keine Erklärung braucht'''.
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In ''Stirb langsam'' (''Die Hard'', 1988) wird ein New Yorker Polizist in Los Angeles zum Retter der Geiseln eines deutschen Terroristen, gespielt von Alan Rickman mit distinguierter Bosheit. John McClane, dargestellt von Bruce Willis, durchkämpft sich durch ein Hochhaus, das am Ende in Trümmern liegt.
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Diese Lektion sitzt tief. Sie sitzt tiefer als politische Überzeugungen, tiefer als rationale Einschätzungen, tiefer als historisches Wissen. Sie sitzt im Bauch, dort, wo die Dramatik des Kinos sich festsetzt.
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Was an diesem Film bemerkenswert ist: Der '''materielle Schaden''' ist gigantisch. Etagen werden gesprengt, Aufzüge stürzen ab, ein Hubschrauber wird zerstört, unzählige Polizeifahrzeuge werden ramponiert. Die Frage, wie viel dieser Einsatz kostet – in Geld, in Infrastruktur, in Menschenleben unbeteiligter Polizisten –, wird '''ein einziges Mal''' kurz angedeutet und dann fallen gelassen. Was zählt: Die Geiseln leben. McClane gewinnt. Die Gesamtbilanz ist positiv, weil die Buchhaltung selektiv ist.
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== Verhältnismäßigkeit als kulturelle Kategorie: Was das Kino verlernt hat ==
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Die Formel des Films – Held betritt ein begrenztes Territorium, Held kämpft sich durch, Held gewinnt – wurde in zahllosen Fortsetzungen und Imitationen wiederholt, wobei das Territorium immer größer wurde: vom Hochhaus über den Flughafen zur Stadt zur Nation zum Planeten. Der Schaden skaliert mit. Die moralische Reflexion tut es nicht.
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Es gab eine Zeit, da kannte das Kino auch den anderen Helden: den zweifelnden, den erschöpften, den traumatisierten. Francis Ford Coppolas ''Apocalypse Now'' (1979) zeigte einen Krieg als moralischen Abgrund. Stanley Kubricks ''Full Metal Jacket'' (1987) demontierte das Kriegsheldentum als psychopathologischen Prozess. Oliver Stones ''Platoon'' (1986) machte aus dem amerikanischen Soldaten kein Symbol, sondern einen Menschen.
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Diese Filme existieren. Sie wurden gesehen. Aber sie haben die kulturelle Grundierung nicht verändert, die das Blockbuster-Actionkino in weit größeren Mengen und weit breiterer Distribution produziert. ''Apocalypse Now'' läuft im Filmkunstkino. ''Mission: Impossible'' läuft überall.
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== Mission: Impossible oder: Der Staat als Kulisse ==
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Das Mengenproblem ist das eigentliche Problem. Es geht nicht darum, dass einzelne Filme eine manipulative Botschaft transportieren. Es geht darum, dass das Genre als '''kulturelles Massenbad''' eine spezifische emotionale und moralische Grundausstattung reproduziert, die Gewalt normalisiert, Opfer unsichtbar macht und die Frage nach der Verhältnismäßigkeit als Schwäche kodiert.
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Die ''Mission: Impossible''-Reihe, mit Tom Cruise als ewigem Ethan Hunt, führt die Logik des Dirty-Harry-Prinzips ins 21. Jahrhundert und in die Welt geheimdienstlicher Operationen. Hier operiert der Held '''jenseits staatlicher Strukturen''' – oder vielmehr: Er ist der Staat in seiner reinen Form, [[Krieg und Frieden|bereinigt um all jene lästigen Beschränkungen, die demokratische Gesellschaften dem staatlichen Gewaltmonopol auferlegen]]: Kontrolle, Transparenz, Rechenschaftspflicht.
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Und diese Grundausstattung ist gesellschaftlich folgenreich. Gesellschaften, die über Jahrzehnte gelernt haben, den Helden nicht nach seinen Methoden zu fragen, sind schlechter ausgerüstet, ihre politischen Führer nach Methoden zu fragen. Die ästhetische Konditionierung wird zur politischen Disposition.
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In jedem dieser Filme hinterlässt Ethan Hunt eine Schneise der Verwüstung durch europäische Innenstädte, arabische Bazare, österreichische Opernhäuser. Autos werden gestohlen, Gebäude beschädigt, Menschen getötet – unter ihnen regelmäßig Angehörige ausländischer Sicherheitsbehörden, die aus der Perspektive des Films schlicht hinderlich sind. '''Niemand stellt Rechnung.''' Das Gute hat gesiegt, der Rest ist Buchhaltermentalität.
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== Schlussbetrachtung: Wer erzählt den Krieg? ==
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Was diese Filme politisch bedeutsam macht: Sie normalisieren die Idee, dass '''souveräne Staatlichkeit anderer Länder kein schützenswertes Gut''' ist, wenn amerikanische Interessen auf dem Spiel stehen. Das ist nicht nur Filmphilosophie. Das ist Außenpolitik.
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Die entscheidende Frage ist nicht, ob Actionfilme ''direkt'' für Kriege verantwortlich sind. Sie sind es nicht, und so einfach ist die Welt nicht. Die entscheidende Frage ist, wer die kulturellen Kategorien bereitstellt, mit denen Kriege öffentlich verhandelt werden. Wer liefert die Metaphern, die Bilder, die emotionalen Schemata, durch die eine Gesellschaft versteht, was ein Held ist, was ein Feind ist, was ein rechtfertigbares Opfer ist?
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Die Antwort, so unbequem sie ist, lautet: zu einem erheblichen Teil die Unterhaltungsindustrie. Nicht weil Drehbuchautoren im Pentagon sitzen, sondern weil das, was Menschen emotional einüben, ihre politischen Wahrnehmungen formt. Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist Kultursoziologie.
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== Kill Bill oder: Gewalt als ästhetisches Erleben ==
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Alfred Polgar schrieb einmal sinngemäß, die Wahrheit sei, was man glauben will. Man darf ergänzen: Man glaubt, was man sich gewünscht hat, schon tausendmal gesehen zu haben. Der Held siegt. Die Kamera zieht sich zurück. Die Toten bleiben, wo sie liegen.
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Quentin Tarantinos ''Kill Bill'' (2003/2004) verdient in diesem Zusammenhang besondere Erwähnung, weil er eine andere, raffiniertere Form der Gewaltverherrlichung praktiziert: die '''ästhetische Verklärung'''. Beatrix Kiddo, gespielt von Uma Thurman, tötet im Verlauf beider Filme Dutzende von Menschen – in Szenen von erlesener kinematographischer Schönheit. Tarantino ist zu klug, um die naive Heldenerzählung des Actionfilms direkt zu bedienen. Er dekonstruiert sie – und zelebriert sie gleichzeitig.
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Und das Publikum geht nach Hause.
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Das Ergebnis ist paradox und politisch folgenreich: Indem die Gewalt ästhetisiert wird, wird sie '''entreferenzialisiert'''. Sie verweist nicht mehr auf reale Körper, realen Schmerz, reale Konsequenzen – sondern auf andere Filme, andere Ästhetiken, andere Zitate. Die Toten werden zu Bildern. Und Bilder haben keine Familien.
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Dieser Mechanismus ist in der Kriegsberichterstattung wohlbekannt: Die Drohnenaufnahme eines Einschlags sieht aus wie ein Computerspiel. Das ist kein Zufall. Es ist '''dasselbe Bildregime'''.
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== Die unsichtbaren Toten: Kollateralschäden als narratives Prinzip ==
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Was alle genannten Filme eint, ist eine strukturelle Entscheidung: Die '''Opfer der Hauptfigur werden nicht gezählt'''. Genauer: Sie werden nicht einmal als zählbar behandelt. Die Feinde sterben in Massen und verschwinden. Die Zivilbevölkerung, sofern überhaupt vorhanden, dient als Hintergrundraum. Die eigentliche emotionale Buchführung des Films gilt ausschließlich der Hauptfigur und den ihr nahestehenden Personen.
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Diese narrative Entscheidung ist keine ästhetische Schwäche. Sie ist '''strukturell notwendig''', um das Heldenpathos aufrechtzuerhalten. Denn würde man die Toten zählen – würde man fragen, wie viele unbeteiligte Menschen bei der Verfolgungsjagd durch das Einkaufszentrum gestorben sind, wie viele Anwohner bei der Explosion des Gebäudes ums Leben kamen, wie viele Polizisten bei dem Feuergefecht gefallen sind –, dann würde die moralische Gleichung nicht mehr aufgehen.
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;Verhältnismäßigkeit :Das Gebot der Verhältnismäßigkeit ist ein rechtliches und ethisches Prinzip, das verlangt, den angerichteten Schaden gegen den erzielten Nutzen abzuwägen. Im Hollywood-Actionfilm ist dieses Prinzip '''suspendiert'''. [[entschlossenes Handeln|Der Held darf alles tun, was nötig ist]] – und die Notwendigkeit definiert er selbst.
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Diese Suspension der Verhältnismäßigkeit wird dem Publikum in tausend Wiederholungen als '''natürlicher Zustand von Krisensituationen''' eingeprägt. Wer in einer Krise nach Verhältnismäßigkeit fragt, ist [[warum ich ein verfickter Gutmensch bin|naiv]]. Wer auf die Toten hinweist, ist ein Spielverderber. Wer [[Krieg und Frieden|Alternativen zur Gewalt]] vorschlägt, hat offensichtlich nicht begriffen, mit wem man es zu tun hat.
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== Vom Kino in den Krieg: Die Übertragung des narrativen Musters ==
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Nun könnte man sagen: Es sind ja nur Filme. Menschen wissen doch, dass das Kino keine Realität ist. – Stimmt. Und trotzdem.
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Die kognitionspsychologische Forschung ist da eindeutig: Narrative Wiederholung formt '''Deutungsrahmen''' (frames), die unbewusst auf die Wahrnehmung realer Ereignisse angewendet werden. Wenn eine Bevölkerung über Jahrzehnte hinweg trainiert wird, Gewalt als effiziente, moralisch unbedenkliche Problemlösung zu erleben, dann verändert das ihre Reaktion auf Berichte über reale Militäroperationen.
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Das Muster ist dabei erschreckend ähnlich:
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* Ein klar definierter '''Feind''', der das Böse in Person ist
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* Ein '''Held''' – Staat, Nation, Allianz –, der das Richtige tut
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* Ein '''Ziel''', das den Einsatz rechtfertigt
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* '''Kollateralschäden''', die als bedauerlich, aber unvermeidbar gelten
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* Ein '''Erfolg''', der alle Fragen beantwortet
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Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit – wie viele Tote ist das Ziel wert? – wird in der politischen Kommunikation über Kriege mit derselben Selbstverständlichkeit suspendiert wie im Kino. Wer sie stellt, gilt als naiv, als Defätist, als objektiver Verbündeter des Feindes.
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== Der erste und zweite Irak-Krieg: Das Kino als Vorlage ==
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Der erste Golfkrieg 1991 wurde der amerikanischen Öffentlichkeit als '''Fernsehspektakel''' präsentiert. Präzisionsraketen, die elegant in Lüftungsschächte gleiten. Infrarotaufnahmen von explodierenden Gebäuden. Keine Toten zu sehen. Keine Leichen. Kein Blut. CNN sendete rund um die Uhr – und zeigte dabei '''die Ästhetik des Computerspiels''', die aus dem Kino vertraut war.
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Der zweite Irak-Krieg 2003 – eingeleitet mit der Formel ''shock and awe'', also ''Schock und Ehrfurcht'', einer Formel, die geradezu filmisch klingt – folgte demselben Muster. Präsident Bush landete auf einem Flugzeugträger unter dem Banner ''Mission Accomplished''. Der Held hatte gewonnen. Dass danach hunderttausende Menschen starben, dass das Land in einen Bürgerkrieg versank, dass die Region bis heute destabilisiert ist – das gehört zur Fortsetzung, die niemand im Kino sehen wollte.
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;Shock and awe :Der Begriff bezeichnet eine Militärstrategie, die auf '''massiver psychologischer Wirkung''' beruht – auf der Überwältigung des Gegners durch den Eindruck überlegener Kraft. Man muss kein Kinoexperte sein, um zu erkennen, dass dies eine filmische Dramaturgie ist, direkt übersetzt in militärische Doktrin.
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Die Opferzahlen des Irak-Krieges werden bis heute kontrovers diskutiert. Schätzungen reichen von 100.000 bis über eine Million zivile Tote, je nach Methodik und politischer Ausrichtung der zählenden Institution. In der medialen Aufmerksamkeit finden diese Zahlen kaum Platz. '''Die Mission war accomplished.''' Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
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== Der Krieg gegen den Terror: Eine Fortsetzung in mehreren Teilen ==
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Nach dem 11. September 2001 wurde der '''Krieg gegen den Terror''' als globaler Befreiungsfilm inszeniert, mit George W. Bush in der Hauptrolle, Osama bin Laden als Schurken und dem Rest der Welt als Kulisse. Die Dramaturgie war klassisch: Ein furchtbarer Angriff auf die Unschuldigen. Ein entschlossener Held, der zurückschlägt. Keine Zeit für Fragen.
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Was folgte, war ein zwanzig Jahre langer Krieg in Afghanistan, der 2021 damit endete, dass die Taliban wieder an der Macht waren – schneller, als irgendjemand es für möglich gehalten hatte. Wie das Portal technikundkultur.de nüchtern bilanziert: '''„Der Westen ist in jeder Hinsicht gescheitert: militärisch, strategisch [...] und moralisch."'''
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Das ist das Problem mit dem Actionfilm-Modell: Es hat keine Fortsetzung vorgesehen, in der der Held verliert. Die reale Geschichte hält sich nicht an das Drehbuch.
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Der Krieg gegen den Terror hat, je nach Schätzung, zwischen 800.000 und über eine Million Menschenleben gekostet – das [https://watson.brown.edu/costsofwar/ Costs of War Project] der Brown University spricht von mindestens 929.000 direkten Kriegstoten in Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien, Jemen und Somalia. Hinzu kommen Millionen Vertriebene, zerstörte Städte, kollabierte Staatlichkeit. In der öffentlichen Debatte des Westens erscheinen diese Zahlen allenfalls als Fußnoten. Die Haupthandlung war eine andere.
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== IS, Hamas und die Hollywood-Ästhetik: Der Feind als Kopie ==
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Hier nun kommt eine These ins Spiel, die unbequem ist und dennoch ernst genommen werden muss. Die bereits erwähnte Seite [[Wie der IS amerikanische Werte verteidigt]] auf technikundkultur.de formuliert sie so:
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''"IS praktiziert die gnadenlosen Selbstverteidigungskonzepte eines John McClane, Mike Lowrey, Rambo oder einer Beatrix Kiddo, bei denen schon mal dutzende Polizeifahrzeuge, ganze Hochhäuser, Einkaufszentren oder Stadteile in Schutt und Asche gelegt und unzählige gemeine, böse Menschen [...] zerschossen oder zerschnipselt werden – denn man gehört ja zu den Guten."''
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Das ist provokant formuliert. Es ist aber nicht falsch. Der Islamische Staat hat seine Propagandavideos mit offenkundigem Gespür für '''filmische Wirkung''' produziert: Zeitlupensequenzen, dramatische Musik, Heldennarrative, klare Freund-Feind-Schemata. Das ist keine zufällige Ästhetik. Das ist dasselbe Bildregime, das Hollywood seit Jahrzehnten exportiert – nur mit anderem Logo.
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Und die Grundwerte, die der IS dabei in Anspruch nimmt – das Recht auf bewaffnete Selbstverteidigung der eigenen Gemeinschaft, die Berechtigung zur Vergeltung, die Auflösung rechtlicher Schranken gegenüber dem als feindlich definierten Anderen –, sind, wie technikundkultur.de bemerkt, '''"grundamerikanische Werte"''' in ihrer radikalisierten Form. Man muss das nicht mögen. Man muss es aber zur Kenntnis nehmen.
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Was bedeutet das? Es bedeutet nicht, dass Hollywood für den IS verantwortlich ist. Es bedeutet, dass '''ein bestimmtes Denk- und Erzählmuster''', das [[Krieg und Frieden|Gewalt als natürliche Lösung von Konflikten]] normiert und die Frage der Verhältnismäßigkeit suspendiert, '''keine Exklusivlizenz einer bestimmten Kultur besitzt'''. Es kann von jedem benutzt werden, der eine eigene Gemeinschaft als bedroht und sich selbst als zu den Guten gehörig definiert.
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Die Konsequenz ist erschreckend: Indem der Westen terroristische Gewalt mit militärischer Gewalt beantwortet und dabei das Narrativ des sich entschlossen wehrenden Helden verwendet – '''Wir kämpfen für das Gute, die anderen sind das Böse, Kollateralschäden sind unvermeidlich''' –, liefert er den Terrororganisationen das ästhetische und ideologische Rohmaterial für ihre eigene Selbstlegitimierung.
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== Gaza, Syrien, und der Iran: Die ewige Fortsetzung ==
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Das Muster setzt sich fort. Nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 antwortete Israel mit einer militärischen Operation in Gaza, die nach internationalen Einschätzungen zu einer der verheerendsten humanitären Katastrophen der jüngeren Geschichte geführt hat. Die Bilder aus Gaza – zerstörte Städtteile, Tote und Verletzte, zu Schutt gebombte Krankenhäuser – wurden von einem Teil der westlichen Medien mit derselben dramaturgischen Logik verarbeitet: '''Die Opfer der eigenen Seite sind Tragödien. Die Opfer der anderen Seite sind Kollateralschäden.'''
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Die narrative Struktur ist identisch mit dem Actionfilm: Der Angriff der Hamas ist das Attentat auf die Liebsten des Helden, das die unbegrenzte Gegenwehr moralisch legitimiert. Was danach kommt – wie viele Tote, wie viel Zerstörung – wird durch die ursprüngliche Provokation gedeckt. Die Verhältnismäßigkeit ist erneut suspendiert.
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Und nun, im Jahr 2026, führen die USA und Israel Militäroperationen gegen den Iran durch – '''„Die USA und Israel gehen das ‚Problem' IRAN erneut militärisch an"''', wie technikundkultur.de lakonisch festhält. Keine Idee jenseits militärischer Optionen. Kein Drehbuch, das eine andere Lösung vorsieht.
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Das ist das eigentliche Problem mit dem Actionfilm als politischem Modell: Er kennt nur eine Handlungsoption. Der Held greift ein. Der Held siegt. Was danach kommt, ist nicht mehr Teil des Films.
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== Das Publikum als politischer Faktor ==
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Man darf die Filmkonsumenten nicht unterschätzen – und man darf sie nicht überschätzen. Sie sind keine passiven Empfänger. Aber sie sind auch keine vollständig autonomen, kritischen Denker, die permanent jeden narrativen Trick durchschauen. Sie sind '''Menschen, die in Deutungsrahmen denken''', die ihnen die Kultur bereitgestellt hat.
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Wenn diese Deutungsrahmen über Jahrzehnte hinweg dieselbe Botschaft transportieren – Gewalt ist effektiv, Verhältnismäßigkeit ist Schwäche, der Held hat das Recht auf alles, was nötig ist –, dann verändert sich die '''Erwartungshaltung gegenüber realen Ereignissen'''.
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Das zeigt sich empirisch in Meinungsumfragen: Westliche Bevölkerungen unterstützen Militäroperationen tendenziell stärker, wenn diese als ''chirurgisch'', ''präzise'' und ''auf den Feind beschränkt'' dargestellt werden – also mit dem Vokabular des Actionfilms. Wenn die Opferzahlen sichtbar werden, sinkt die Unterstützung. Das Kino hat also nicht nur die Erwartung geformt, dass Militäroperationen erfolgreich sind – es hat auch die Erwartung geformt, dass sie '''sauber''' sind. Ohne Kollateralschäden. Wie im Film.
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Diese Erwartung ist politisch nützlich für diejenigen, die Kriege führen wollen: Sie können die Kollateralschäden tatsächlich unsichtbar machen, weil das Publikum gar nicht damit rechnet, dass es sie gibt.
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== Die Frage, die nicht gestellt wird ==
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Die zentrale Frage, die das Actionfilmformat systematisch unterdrückt, lautet:
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;'''Ist das Ziel den Preis wert?''' :Und wer hat das Recht, das zu entscheiden?
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Diese Frage ist nicht naiv. Sie ist die Grundfrage jeder Ethik des Krieges, jeder politischen Theorie legitimer Gewalt, jedes Völkerrechts. Sie ist auch die Frage, die die betroffene Zivilbevölkerung – die Menschen in Bagdad, in Kabul, in Mossul, in Gaza, in Beirut – mit vollkommenem Recht stellt.
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Im Actionfilm gibt es auf diese Frage eine einfache Antwort: Ja. Immer. Der Held musste genauso handeln - es gab keine Wahl.
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In der realen Welt ist die Antwort komplizierter. Unsere Politik und wir als Gesellschaft haben eine Wahl. Das ist der Unterschied zwischen Kino und Wirklichkeit. Es wäre schön, wenn mehr Menschen darüber nachdenken würden.
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== Schluss: Das Happy End als politisches Problem ==
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Alfred Polgar hat einmal geschrieben, das Theater sei eine Schule des Lebens – leider eine sehr schlechte. Man könnte dasselbe über das Kino sagen, mit der Präzisierung: Es ist insbesondere eine schlechte Schule für '''politische Ethik'''.
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Das Hollywood-Heldenmodell ist keine harmlose Unterhaltung. Es ist ein '''Betriebssystem für politische Wahrnehmung''', das über Jahrzehnte hinweg installiert, aktualisiert und auf neue Anforderungen angepasst wurde. Es definiert, wer Held ist und wer Schurke. Es definiert, welche Gewalt legitim ist und welche Barbarei. Es definiert, welche Toten zählen und welche nicht.
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Wer dieses Betriebssystem versteht, versteht auch, warum Kriege so verpackt werden, wie sie verpackt werden. Warum es ''shock and awe'' heißt und nicht ''Flächenbombardierung''. Warum es ''collateral damage'' heißt und nicht ''ermordete Zivilisten''. Warum es ''targeted killing'' heißt und nicht ''Exekution ohne Gerichtsverfahren''.
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Das Kino hat die Sprache geliefert. Die Politik nutzt sie. Und die Bevölkerung – die jahrelang trainierte, konditionierte, mit Heldenerzählungen gesättigte Bevölkerung – nickt, weil sie das Muster wiedererkennt.
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[[Tucholsky Kurt|Kurt Tucholsky]] hätte das, mutmaßlich, etwas weniger höflich formuliert.
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== Quellen ==
== Quellen ==
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* [https://www.technikundkultur.de/wiki1/index.php5?title=Wie_der_IS_amerikanische_Werte_verteidigt Wie der IS amerikanische Werte verteidigt – technikundkultur.de Wiki1]
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* [https://watson.brown.edu/costsofwar/ Costs of War Project – Watson Institute, Brown University]
*[https://www.iraqbodycount.org Iraq Body Count Project – Dokumentation ziviler Opfer im Irakkrieg]
*[https://www.iraqbodycount.org Iraq Body Count Project – Dokumentation ziviler Opfer im Irakkrieg]
*[https://www.pewresearch.org/politics/2008/03/19/public-attitudes-toward-the-war-in-iraq-20032008/ Pew Research Center: Public Attitudes Toward the War in Iraq, 2003–2008]
*[https://www.pewresearch.org/politics/2008/03/19/public-attitudes-toward-the-war-in-iraq-20032008/ Pew Research Center: Public Attitudes Toward the War in Iraq, 2003–2008]
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*[https://www.jstor.org/stable/1354255 Susan Jeffords: ''The Remasculinization of America: Gender and the Vietnam War'' (JSTOR)]
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*[https://archive.org/details/remasculinizatio0000jeff Susan Jeffords: ''The Remasculinization of America: Gender and the Vietnam War'' (JSTOR)]
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*[https://www.commondreams.org/views/2003/03/21/war-made-easy Common Dreams: ''War Made Easy'' – Analyse der Kriegsberichterstattung]
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*[https://chomsky.info/articles/ Noam Chomsky: Gesammelte Artikel zu Medien, Propaganda und Militärpolitik (chomsky.info)]
*[https://chomsky.info/articles/ Noam Chomsky: Gesammelte Artikel zu Medien, Propaganda und Militärpolitik (chomsky.info)]
*[https://www.fas.org/sgp/crs/natsec/ Federation of American Scientists: Congressional Research Service Reports on US Military Operations]
*[https://www.fas.org/sgp/crs/natsec/ Federation of American Scientists: Congressional Research Service Reports on US Military Operations]
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Aktuelle Version vom 10:23, 3. Mai 2026

Der Text wurde mit Hilfe des LLM Claude erstellt. Der Aufwand für die Erstellung beschränkte sich auf die Vorgabe eines Textes aus diesem Wiki oder der Formulierung einer Frage und betrug ca. 1 h ohne Prüfung der Richtigkeit der Quellen. Ich habe mehrere Durchläufe mit kleinern Korrekturen durchgeführt.


Inhaltsverzeichnis

Themenstellung

Die folgende Erörterung stellt einen Zusammenhang her zwischen dem Heldenbild, das der Hollywood-Actionfilm seit Jahrzehnten mit industrieller Zuverlässigkeit reproduziert, und der Erwartungshaltung der Bevölkerung gegenüber militärischen Einsätzen des Staates. Im Mittelpunkt steht die Beobachtung, dass in diesen Filmen Helden gewaltige Zerstörungen und erhebliche Opferzahlen verursachen – und dass diese Opfer nie thematisiert, nie betrauert, nie bilanziert werden. Der Erfolg des Helden deckt alles zu. Was im Kino funktioniert, wird in der politischen Kommunikation über Kriege und Militäroperationen systematisch angewendet: Die eigentliche Rechnung – Tote, Verletzte, zerstörte Infrastruktur, traumatisierte Bevölkerungen – bleibt unsichtbar, solange das Ziel erreicht scheint. Hinzu kommt ein Befund, den die Seite Wie der IS amerikanische Werte verteidigt auf technikundkultur.de formuliert: Terroristische Organisationen wie der Islamische Staat nutzen dieselben ästhetischen Mittel wie Hollywood-Actionfilme – und berufen sich dabei auf dieselben Grundwerte. Wer das nicht zynisch findet, hat entweder zu wenig nachgedacht oder zu viele Actionfilme gesehen.


Der Held und sein Sieg - generiert mit Sora



Der Held als Exportartikel

Hollywood hat im 20. Jahrhundert eine der wirkungsmächtigsten Exportwaren der amerikanischen Zivilisation hervorgebracht: den einsamen, entschlossenen Helden, der mit Gewalt das Richtige tut. Dieser Held ist kein Komplize von Systemen. Er ist das System – oder vielmehr: Er ist die höhere Instanz, die eintritt, wenn das System versagt. Er braucht keine Genehmigung. Er kennt keine Verhältnismäßigkeit. Er hat keine Zeit für Zweifel. Und am Ende – das ist entscheidend – hat er recht behalten.

Dieses Bild ist kein Zufall. Es ist das Destillat einer sehr amerikanischen Weltanschauung: das Individuum als moralische letzte Instanz, Gewalt als legitimes Instrument der Selbstverteidigung, die eigene Wertgemeinschaft als natürlicher Mittelpunkt des Universums. Der Rest der Welt darf mitspielen – als Kulisse, als Opfer oder als Feind.

Was in den 1960er und 1970er Jahren noch gelegentlich gebrochen und ambivalent erzählt wurde – man denke an die ersten Dirty Harry-Filme, in denen die Frage, ob Harry Callahan ein Held oder ein Faschist sei, zumindest noch gestellt wurde –, ist seither zur reinen Affirmation geronnen. Die Frage wird nicht mehr gestellt. Sie ist obszön geworden.


Dirty Harry oder: Die Verhältnismäßigkeit als Zumutung

Don Siegels Dirty Harry (1971) gilt als Urtext des modernen amerikanischen Actionhelden. Harry Callahan, gespielt von Clint Eastwood, ist ein Polizist, der sich um Recht und Gesetz nur so weit schert, wie es ihm nützt. Was ihn interessiert, ist das Ergebnis. Der Schurke muss aufhören zu schurken. Wie das geschieht, ist eine Frage des Temperaments, nicht der Legalität.

Das Interessante an Dirty Harry ist, dass der Film 1971 noch in einem gesellschaftlichen Klima produziert wurde, das diese Figur zumindest diskutiert hat. Pauline Kael, die große amerikanische Filmkritikerin, nannte ihn offen faschistoid. Das war damals noch möglich. Heute würde man für eine solche Aussage als humorloser Moralritter abgetan.

Was der Film aber bereits mustergültig etabliert: Die Opfer der Hauptfigur verschwinden aus dem Bild. Harry schießt. Autos explodieren. Schurken sterben. Die Businsassen, die Passanten, die zufällig im Weg stehende Bedienung – sie erscheinen kurz und verschwinden dann. Das moralische Gewicht des Helden liegt einzig in seiner Absicht, nicht in seinen Nebenwirkungen.


Rambo oder: Der Krieg wird nachträglich gewonnen

Rambo: First Blood Part II (1985) ist vielleicht das kompromissloseste Beispiel für die Mythologisierung des amerikanischen Helden als Instrument der nachträglichen Geschichtskorrektur. John Rambo, von Sylvester Stallone mit der Eloquenz eines Presslufthammers verkörpert, kehrt nach Vietnam zurück, um amerikanische Kriegsgefangene zu befreien – und dieses Mal, so die implizite Botschaft, gewinnen wir.

Der Vietnam-Krieg, der als militärisches und moralisches Desaster in das kollektive Gedächtnis eingegangen ist, wird filmisch umgedeutet: Nicht die Strategie war falsch, nicht der Krieg war falsch – die Politiker haben die Hände gebunden. Rambo tötet Hunderte von Feinden, sprengt halbe Dörfer in die Luft, hinterlässt eine Trümmerwüste – und gilt als Retter. Die vietnamesische Zivilbevölkerung existiert in diesem Film als Staffage. Ihre Toten interessieren niemanden.

Dieser Film hat eine politische Funktion gehabt, die weit über das Kino hinausging. Ronald Reagan zitierte Rambo in Pressekonferenzen. Das war keine Ironie. Das war Medienpolitik.


Stirb langsam oder: Die Stadt als Verbrauchsmaterial

In Stirb langsam (Die Hard, 1988) wird ein New Yorker Polizist in Los Angeles zum Retter der Geiseln eines deutschen Terroristen, gespielt von Alan Rickman mit distinguierter Bosheit. John McClane, dargestellt von Bruce Willis, durchkämpft sich durch ein Hochhaus, das am Ende in Trümmern liegt.

Was an diesem Film bemerkenswert ist: Der materielle Schaden ist gigantisch. Etagen werden gesprengt, Aufzüge stürzen ab, ein Hubschrauber wird zerstört, unzählige Polizeifahrzeuge werden ramponiert. Die Frage, wie viel dieser Einsatz kostet – in Geld, in Infrastruktur, in Menschenleben unbeteiligter Polizisten –, wird ein einziges Mal kurz angedeutet und dann fallen gelassen. Was zählt: Die Geiseln leben. McClane gewinnt. Die Gesamtbilanz ist positiv, weil die Buchhaltung selektiv ist.

Die Formel des Films – Held betritt ein begrenztes Territorium, Held kämpft sich durch, Held gewinnt – wurde in zahllosen Fortsetzungen und Imitationen wiederholt, wobei das Territorium immer größer wurde: vom Hochhaus über den Flughafen zur Stadt zur Nation zum Planeten. Der Schaden skaliert mit. Die moralische Reflexion tut es nicht.


Mission: Impossible oder: Der Staat als Kulisse

Die Mission: Impossible-Reihe, mit Tom Cruise als ewigem Ethan Hunt, führt die Logik des Dirty-Harry-Prinzips ins 21. Jahrhundert und in die Welt geheimdienstlicher Operationen. Hier operiert der Held jenseits staatlicher Strukturen – oder vielmehr: Er ist der Staat in seiner reinen Form, bereinigt um all jene lästigen Beschränkungen, die demokratische Gesellschaften dem staatlichen Gewaltmonopol auferlegen: Kontrolle, Transparenz, Rechenschaftspflicht.

In jedem dieser Filme hinterlässt Ethan Hunt eine Schneise der Verwüstung durch europäische Innenstädte, arabische Bazare, österreichische Opernhäuser. Autos werden gestohlen, Gebäude beschädigt, Menschen getötet – unter ihnen regelmäßig Angehörige ausländischer Sicherheitsbehörden, die aus der Perspektive des Films schlicht hinderlich sind. Niemand stellt Rechnung. Das Gute hat gesiegt, der Rest ist Buchhaltermentalität.

Was diese Filme politisch bedeutsam macht: Sie normalisieren die Idee, dass souveräne Staatlichkeit anderer Länder kein schützenswertes Gut ist, wenn amerikanische Interessen auf dem Spiel stehen. Das ist nicht nur Filmphilosophie. Das ist Außenpolitik.


Kill Bill oder: Gewalt als ästhetisches Erleben

Quentin Tarantinos Kill Bill (2003/2004) verdient in diesem Zusammenhang besondere Erwähnung, weil er eine andere, raffiniertere Form der Gewaltverherrlichung praktiziert: die ästhetische Verklärung. Beatrix Kiddo, gespielt von Uma Thurman, tötet im Verlauf beider Filme Dutzende von Menschen – in Szenen von erlesener kinematographischer Schönheit. Tarantino ist zu klug, um die naive Heldenerzählung des Actionfilms direkt zu bedienen. Er dekonstruiert sie – und zelebriert sie gleichzeitig.

Das Ergebnis ist paradox und politisch folgenreich: Indem die Gewalt ästhetisiert wird, wird sie entreferenzialisiert. Sie verweist nicht mehr auf reale Körper, realen Schmerz, reale Konsequenzen – sondern auf andere Filme, andere Ästhetiken, andere Zitate. Die Toten werden zu Bildern. Und Bilder haben keine Familien.

Dieser Mechanismus ist in der Kriegsberichterstattung wohlbekannt: Die Drohnenaufnahme eines Einschlags sieht aus wie ein Computerspiel. Das ist kein Zufall. Es ist dasselbe Bildregime.


Die unsichtbaren Toten: Kollateralschäden als narratives Prinzip

Was alle genannten Filme eint, ist eine strukturelle Entscheidung: Die Opfer der Hauptfigur werden nicht gezählt. Genauer: Sie werden nicht einmal als zählbar behandelt. Die Feinde sterben in Massen und verschwinden. Die Zivilbevölkerung, sofern überhaupt vorhanden, dient als Hintergrundraum. Die eigentliche emotionale Buchführung des Films gilt ausschließlich der Hauptfigur und den ihr nahestehenden Personen.

Diese narrative Entscheidung ist keine ästhetische Schwäche. Sie ist strukturell notwendig, um das Heldenpathos aufrechtzuerhalten. Denn würde man die Toten zählen – würde man fragen, wie viele unbeteiligte Menschen bei der Verfolgungsjagd durch das Einkaufszentrum gestorben sind, wie viele Anwohner bei der Explosion des Gebäudes ums Leben kamen, wie viele Polizisten bei dem Feuergefecht gefallen sind –, dann würde die moralische Gleichung nicht mehr aufgehen.

Verhältnismäßigkeit 
Das Gebot der Verhältnismäßigkeit ist ein rechtliches und ethisches Prinzip, das verlangt, den angerichteten Schaden gegen den erzielten Nutzen abzuwägen. Im Hollywood-Actionfilm ist dieses Prinzip suspendiert. Der Held darf alles tun, was nötig ist – und die Notwendigkeit definiert er selbst.

Diese Suspension der Verhältnismäßigkeit wird dem Publikum in tausend Wiederholungen als natürlicher Zustand von Krisensituationen eingeprägt. Wer in einer Krise nach Verhältnismäßigkeit fragt, ist naiv. Wer auf die Toten hinweist, ist ein Spielverderber. Wer Alternativen zur Gewalt vorschlägt, hat offensichtlich nicht begriffen, mit wem man es zu tun hat.


Vom Kino in den Krieg: Die Übertragung des narrativen Musters

Nun könnte man sagen: Es sind ja nur Filme. Menschen wissen doch, dass das Kino keine Realität ist. – Stimmt. Und trotzdem.

Die kognitionspsychologische Forschung ist da eindeutig: Narrative Wiederholung formt Deutungsrahmen (frames), die unbewusst auf die Wahrnehmung realer Ereignisse angewendet werden. Wenn eine Bevölkerung über Jahrzehnte hinweg trainiert wird, Gewalt als effiziente, moralisch unbedenkliche Problemlösung zu erleben, dann verändert das ihre Reaktion auf Berichte über reale Militäroperationen.

Das Muster ist dabei erschreckend ähnlich:

  • Ein klar definierter Feind, der das Böse in Person ist
  • Ein Held – Staat, Nation, Allianz –, der das Richtige tut
  • Ein Ziel, das den Einsatz rechtfertigt
  • Kollateralschäden, die als bedauerlich, aber unvermeidbar gelten
  • Ein Erfolg, der alle Fragen beantwortet

Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit – wie viele Tote ist das Ziel wert? – wird in der politischen Kommunikation über Kriege mit derselben Selbstverständlichkeit suspendiert wie im Kino. Wer sie stellt, gilt als naiv, als Defätist, als objektiver Verbündeter des Feindes.


Der erste und zweite Irak-Krieg: Das Kino als Vorlage

Der erste Golfkrieg 1991 wurde der amerikanischen Öffentlichkeit als Fernsehspektakel präsentiert. Präzisionsraketen, die elegant in Lüftungsschächte gleiten. Infrarotaufnahmen von explodierenden Gebäuden. Keine Toten zu sehen. Keine Leichen. Kein Blut. CNN sendete rund um die Uhr – und zeigte dabei die Ästhetik des Computerspiels, die aus dem Kino vertraut war.

Der zweite Irak-Krieg 2003 – eingeleitet mit der Formel shock and awe, also Schock und Ehrfurcht, einer Formel, die geradezu filmisch klingt – folgte demselben Muster. Präsident Bush landete auf einem Flugzeugträger unter dem Banner Mission Accomplished. Der Held hatte gewonnen. Dass danach hunderttausende Menschen starben, dass das Land in einen Bürgerkrieg versank, dass die Region bis heute destabilisiert ist – das gehört zur Fortsetzung, die niemand im Kino sehen wollte.

Shock and awe 
Der Begriff bezeichnet eine Militärstrategie, die auf massiver psychologischer Wirkung beruht – auf der Überwältigung des Gegners durch den Eindruck überlegener Kraft. Man muss kein Kinoexperte sein, um zu erkennen, dass dies eine filmische Dramaturgie ist, direkt übersetzt in militärische Doktrin.

Die Opferzahlen des Irak-Krieges werden bis heute kontrovers diskutiert. Schätzungen reichen von 100.000 bis über eine Million zivile Tote, je nach Methodik und politischer Ausrichtung der zählenden Institution. In der medialen Aufmerksamkeit finden diese Zahlen kaum Platz. Die Mission war accomplished. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.


Der Krieg gegen den Terror: Eine Fortsetzung in mehreren Teilen

Nach dem 11. September 2001 wurde der Krieg gegen den Terror als globaler Befreiungsfilm inszeniert, mit George W. Bush in der Hauptrolle, Osama bin Laden als Schurken und dem Rest der Welt als Kulisse. Die Dramaturgie war klassisch: Ein furchtbarer Angriff auf die Unschuldigen. Ein entschlossener Held, der zurückschlägt. Keine Zeit für Fragen.

Was folgte, war ein zwanzig Jahre langer Krieg in Afghanistan, der 2021 damit endete, dass die Taliban wieder an der Macht waren – schneller, als irgendjemand es für möglich gehalten hatte. Wie das Portal technikundkultur.de nüchtern bilanziert: „Der Westen ist in jeder Hinsicht gescheitert: militärisch, strategisch [...] und moralisch."

Das ist das Problem mit dem Actionfilm-Modell: Es hat keine Fortsetzung vorgesehen, in der der Held verliert. Die reale Geschichte hält sich nicht an das Drehbuch.

Der Krieg gegen den Terror hat, je nach Schätzung, zwischen 800.000 und über eine Million Menschenleben gekostet – das Costs of War Project der Brown University spricht von mindestens 929.000 direkten Kriegstoten in Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien, Jemen und Somalia. Hinzu kommen Millionen Vertriebene, zerstörte Städte, kollabierte Staatlichkeit. In der öffentlichen Debatte des Westens erscheinen diese Zahlen allenfalls als Fußnoten. Die Haupthandlung war eine andere.


IS, Hamas und die Hollywood-Ästhetik: Der Feind als Kopie

Hier nun kommt eine These ins Spiel, die unbequem ist und dennoch ernst genommen werden muss. Die bereits erwähnte Seite Wie der IS amerikanische Werte verteidigt auf technikundkultur.de formuliert sie so:

"IS praktiziert die gnadenlosen Selbstverteidigungskonzepte eines John McClane, Mike Lowrey, Rambo oder einer Beatrix Kiddo, bei denen schon mal dutzende Polizeifahrzeuge, ganze Hochhäuser, Einkaufszentren oder Stadteile in Schutt und Asche gelegt und unzählige gemeine, böse Menschen [...] zerschossen oder zerschnipselt werden – denn man gehört ja zu den Guten."

Das ist provokant formuliert. Es ist aber nicht falsch. Der Islamische Staat hat seine Propagandavideos mit offenkundigem Gespür für filmische Wirkung produziert: Zeitlupensequenzen, dramatische Musik, Heldennarrative, klare Freund-Feind-Schemata. Das ist keine zufällige Ästhetik. Das ist dasselbe Bildregime, das Hollywood seit Jahrzehnten exportiert – nur mit anderem Logo.

Und die Grundwerte, die der IS dabei in Anspruch nimmt – das Recht auf bewaffnete Selbstverteidigung der eigenen Gemeinschaft, die Berechtigung zur Vergeltung, die Auflösung rechtlicher Schranken gegenüber dem als feindlich definierten Anderen –, sind, wie technikundkultur.de bemerkt, "grundamerikanische Werte" in ihrer radikalisierten Form. Man muss das nicht mögen. Man muss es aber zur Kenntnis nehmen.

Was bedeutet das? Es bedeutet nicht, dass Hollywood für den IS verantwortlich ist. Es bedeutet, dass ein bestimmtes Denk- und Erzählmuster, das Gewalt als natürliche Lösung von Konflikten normiert und die Frage der Verhältnismäßigkeit suspendiert, keine Exklusivlizenz einer bestimmten Kultur besitzt. Es kann von jedem benutzt werden, der eine eigene Gemeinschaft als bedroht und sich selbst als zu den Guten gehörig definiert.

Die Konsequenz ist erschreckend: Indem der Westen terroristische Gewalt mit militärischer Gewalt beantwortet und dabei das Narrativ des sich entschlossen wehrenden Helden verwendet – Wir kämpfen für das Gute, die anderen sind das Böse, Kollateralschäden sind unvermeidlich –, liefert er den Terrororganisationen das ästhetische und ideologische Rohmaterial für ihre eigene Selbstlegitimierung.


Gaza, Syrien, und der Iran: Die ewige Fortsetzung

Das Muster setzt sich fort. Nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 antwortete Israel mit einer militärischen Operation in Gaza, die nach internationalen Einschätzungen zu einer der verheerendsten humanitären Katastrophen der jüngeren Geschichte geführt hat. Die Bilder aus Gaza – zerstörte Städtteile, Tote und Verletzte, zu Schutt gebombte Krankenhäuser – wurden von einem Teil der westlichen Medien mit derselben dramaturgischen Logik verarbeitet: Die Opfer der eigenen Seite sind Tragödien. Die Opfer der anderen Seite sind Kollateralschäden.

Die narrative Struktur ist identisch mit dem Actionfilm: Der Angriff der Hamas ist das Attentat auf die Liebsten des Helden, das die unbegrenzte Gegenwehr moralisch legitimiert. Was danach kommt – wie viele Tote, wie viel Zerstörung – wird durch die ursprüngliche Provokation gedeckt. Die Verhältnismäßigkeit ist erneut suspendiert.

Und nun, im Jahr 2026, führen die USA und Israel Militäroperationen gegen den Iran durch – „Die USA und Israel gehen das ‚Problem' IRAN erneut militärisch an", wie technikundkultur.de lakonisch festhält. Keine Idee jenseits militärischer Optionen. Kein Drehbuch, das eine andere Lösung vorsieht.

Das ist das eigentliche Problem mit dem Actionfilm als politischem Modell: Er kennt nur eine Handlungsoption. Der Held greift ein. Der Held siegt. Was danach kommt, ist nicht mehr Teil des Films.


Das Publikum als politischer Faktor

Man darf die Filmkonsumenten nicht unterschätzen – und man darf sie nicht überschätzen. Sie sind keine passiven Empfänger. Aber sie sind auch keine vollständig autonomen, kritischen Denker, die permanent jeden narrativen Trick durchschauen. Sie sind Menschen, die in Deutungsrahmen denken, die ihnen die Kultur bereitgestellt hat.

Wenn diese Deutungsrahmen über Jahrzehnte hinweg dieselbe Botschaft transportieren – Gewalt ist effektiv, Verhältnismäßigkeit ist Schwäche, der Held hat das Recht auf alles, was nötig ist –, dann verändert sich die Erwartungshaltung gegenüber realen Ereignissen.

Das zeigt sich empirisch in Meinungsumfragen: Westliche Bevölkerungen unterstützen Militäroperationen tendenziell stärker, wenn diese als chirurgisch, präzise und auf den Feind beschränkt dargestellt werden – also mit dem Vokabular des Actionfilms. Wenn die Opferzahlen sichtbar werden, sinkt die Unterstützung. Das Kino hat also nicht nur die Erwartung geformt, dass Militäroperationen erfolgreich sind – es hat auch die Erwartung geformt, dass sie sauber sind. Ohne Kollateralschäden. Wie im Film.

Diese Erwartung ist politisch nützlich für diejenigen, die Kriege führen wollen: Sie können die Kollateralschäden tatsächlich unsichtbar machen, weil das Publikum gar nicht damit rechnet, dass es sie gibt.


Die Frage, die nicht gestellt wird

Die zentrale Frage, die das Actionfilmformat systematisch unterdrückt, lautet:

Ist das Ziel den Preis wert? 
Und wer hat das Recht, das zu entscheiden?

Diese Frage ist nicht naiv. Sie ist die Grundfrage jeder Ethik des Krieges, jeder politischen Theorie legitimer Gewalt, jedes Völkerrechts. Sie ist auch die Frage, die die betroffene Zivilbevölkerung – die Menschen in Bagdad, in Kabul, in Mossul, in Gaza, in Beirut – mit vollkommenem Recht stellt.

Im Actionfilm gibt es auf diese Frage eine einfache Antwort: Ja. Immer. Der Held musste genauso handeln - es gab keine Wahl.

In der realen Welt ist die Antwort komplizierter. Unsere Politik und wir als Gesellschaft haben eine Wahl. Das ist der Unterschied zwischen Kino und Wirklichkeit. Es wäre schön, wenn mehr Menschen darüber nachdenken würden.


Schluss: Das Happy End als politisches Problem

Alfred Polgar hat einmal geschrieben, das Theater sei eine Schule des Lebens – leider eine sehr schlechte. Man könnte dasselbe über das Kino sagen, mit der Präzisierung: Es ist insbesondere eine schlechte Schule für politische Ethik.

Das Hollywood-Heldenmodell ist keine harmlose Unterhaltung. Es ist ein Betriebssystem für politische Wahrnehmung, das über Jahrzehnte hinweg installiert, aktualisiert und auf neue Anforderungen angepasst wurde. Es definiert, wer Held ist und wer Schurke. Es definiert, welche Gewalt legitim ist und welche Barbarei. Es definiert, welche Toten zählen und welche nicht.

Wer dieses Betriebssystem versteht, versteht auch, warum Kriege so verpackt werden, wie sie verpackt werden. Warum es shock and awe heißt und nicht Flächenbombardierung. Warum es collateral damage heißt und nicht ermordete Zivilisten. Warum es targeted killing heißt und nicht Exekution ohne Gerichtsverfahren.

Das Kino hat die Sprache geliefert. Die Politik nutzt sie. Und die Bevölkerung – die jahrelang trainierte, konditionierte, mit Heldenerzählungen gesättigte Bevölkerung – nickt, weil sie das Muster wiedererkennt.

Kurt Tucholsky hätte das, mutmaßlich, etwas weniger höflich formuliert.


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