Entbürokratisierung
Aus Wiki1
| Zeile 8: | Zeile 8: | ||
In einer arbeitsteiligen Gesellschaft ist Bürokratie unumgänglich. Wir müssen uns auf Regeln und Abläufe einigen, um gemeinsam arbeiten und unsere Gesellschaft am Leben halten zu können. Entbürokratisierung ist deshalb ein falscher Begriff. Wir brauchen einen Diskurs über die richtige Bürokratie! An welchen Stellen müssen die Regeln eindeutig sein - und an welchen Stellen brauchen wir [[Kulanz in Zeiten der Technokraten|Freiheitsgrade]]. Aber darüber diskutieren wir nicht. Stattdessen raunen wir auf Stammtischniveau über zuviel Bürokratie während wir es gelassen hinnehmen, dass jede Interessengruppe versucht, Bürokratie als Schutzwall für die eigenen Interessen zu nutzen: Juristen, Handwerker, Architekten, Ärzte, Industrieunternehmen - sie alle profitieren von bürokratischen Regeln - und schimpfen gleichzeitig über die, die sie vermeintlich bremsen. | In einer arbeitsteiligen Gesellschaft ist Bürokratie unumgänglich. Wir müssen uns auf Regeln und Abläufe einigen, um gemeinsam arbeiten und unsere Gesellschaft am Leben halten zu können. Entbürokratisierung ist deshalb ein falscher Begriff. Wir brauchen einen Diskurs über die richtige Bürokratie! An welchen Stellen müssen die Regeln eindeutig sein - und an welchen Stellen brauchen wir [[Kulanz in Zeiten der Technokraten|Freiheitsgrade]]. Aber darüber diskutieren wir nicht. Stattdessen raunen wir auf Stammtischniveau über zuviel Bürokratie während wir es gelassen hinnehmen, dass jede Interessengruppe versucht, Bürokratie als Schutzwall für die eigenen Interessen zu nutzen: Juristen, Handwerker, Architekten, Ärzte, Industrieunternehmen - sie alle profitieren von bürokratischen Regeln - und schimpfen gleichzeitig über die, die sie vermeintlich bremsen. | ||
| + | |||
| + | Unsere aktuelle Bürokratie ist das Ergebniss von 80 Jahren rücksichtloser Durchsetzung von Einzelinteressen. Kompromisse beruhen auf Machtstrukturen, nicht auf in mühsamen Diskursen entwickeltem Konsenz über das was nötig ist und was nicht nötig ist. Das Resultat sind bürokratische Monster mit unzähligen branchenspezifischen Schlupflöchern. Vorschriften die an einer Stelle ein Loch stopfen, um sich an anderer Stelle mit anderen Regeln in heillose Widersprüche zu verheddern. | ||
[[Kategorie:Gesellschaft]][[Kategorie:Politik]] | [[Kategorie:Gesellschaft]][[Kategorie:Politik]] | ||
Version vom 10:56, 7. Jun. 2026
Entbürokratisierung ist neben Digitalisierung zu einem inflationären Begriff in Politik, Wirtschaft und Medien geworden (2026). Es wird viel darüber geredet aber nur wenig gedacht - denn jedermann und jedefrau assoziiert bei diesem Begriff etwas anderes. Der Bürger möchte weniger und einfachere Formulare, weniger Vorschriften für seinen Garten und sein Häuschen. Der Unternehmer will weniger Kontrolle, schnellere Genehmigungen und beide wollen schnellere Straßen und schnelleres Internet. Die vermeintliche Universallösung für Entbürokratisierung erscheint in Gestalt der Digitalisierung.
Was bei der plakativen Forderung nach "Entbürokratisierung" durch "Digitalisierung" aus dem Blick gerät, ist die simple Tatsache, dass Digitalisierung Bürokratie voraussetzt. Computer können nur mit klar definierten Prozessen und Abläufen umgehen. Nur solche klaren Abläufe lassen sich in Algorithmen abbilden. Und genau diese klaren Abläufe liefert die Bürokratie. Sie ist gewissermaßen die Mutter aller Algorithmen.
Digitalisierung schafft Bürokratie nicht ab, sondern übersetzt sie nur. Vielleicht werden die Abläufe dann schneller - aber sie verschwinden nicht. Ein digitales Formular ist nicht einfacher zu verstehen als ein Papierformular. Eine digitale AGB zu lesen ist genauso ätzend, wie das Lesen des Kleingedruckten auf einem Papiervertrag.
Was bei dem Schreckensgemälde von der überbordenden staatlichen Bürokratie ebenfalls unterschlagen wird: die Wirtschaft selbst ist Verursacher unzähliger bürokratischer Hürden. Technische Vorschriften wie Normen und Standards werden von Branchenverbänden und Experten aus Industrie und Wirtschaft maßgeblich mitgestaltet. Unternehmen entwickeln selbst aufwändige interne Prozesse und Abläufe für Controlling, Qualitätssicherung und Kommunikation. Und die vertraglichen Regelungen zwischen Unternehmen stehen in ihrer bürokratischer Vielfalt nicht hinter Gesetzestexten und Verordnungen zurück.
In einer arbeitsteiligen Gesellschaft ist Bürokratie unumgänglich. Wir müssen uns auf Regeln und Abläufe einigen, um gemeinsam arbeiten und unsere Gesellschaft am Leben halten zu können. Entbürokratisierung ist deshalb ein falscher Begriff. Wir brauchen einen Diskurs über die richtige Bürokratie! An welchen Stellen müssen die Regeln eindeutig sein - und an welchen Stellen brauchen wir Freiheitsgrade. Aber darüber diskutieren wir nicht. Stattdessen raunen wir auf Stammtischniveau über zuviel Bürokratie während wir es gelassen hinnehmen, dass jede Interessengruppe versucht, Bürokratie als Schutzwall für die eigenen Interessen zu nutzen: Juristen, Handwerker, Architekten, Ärzte, Industrieunternehmen - sie alle profitieren von bürokratischen Regeln - und schimpfen gleichzeitig über die, die sie vermeintlich bremsen.
Unsere aktuelle Bürokratie ist das Ergebniss von 80 Jahren rücksichtloser Durchsetzung von Einzelinteressen. Kompromisse beruhen auf Machtstrukturen, nicht auf in mühsamen Diskursen entwickeltem Konsenz über das was nötig ist und was nicht nötig ist. Das Resultat sind bürokratische Monster mit unzähligen branchenspezifischen Schlupflöchern. Vorschriften die an einer Stelle ein Loch stopfen, um sich an anderer Stelle mit anderen Regeln in heillose Widersprüche zu verheddern.
