Nanotechnologie Zeit 2007 - November - 15

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In dem Artikel "Die Philosophie des grauen Schleims" (Zeit Nr. 47, 15. November 2007) wird der Wissenschaftstheoritiker Alfred Nordmann zur Nanotechnik befragt. Darin äußert er ein paar klärende Worte zum Hype der Nanotechnik. Interessant, weil auch auf andere moderne technisch-naturwissenschaftlichen Entwicklungen übertragbar, ist folgende Anmerkung:

Zitat: "Technowissenschaft ist so zwitterhaft. Nach unserem Wissenschaftsverständnis geht es in der Wissenschaft darum, eine theoretische Weltbeschreibung zu finden, Phänomene zu erklären und zu modelieren. Von der Technik erwarten wir vor allem Geräte oder Anwendungen. Beim Wissen ist das Kriterium >>wahr oder falsch?<<, bei den Geräten: >>Funktioniert es oder nicht?<< Bei der Nanotechnowissenschaft geht es meiner Ansicht nach um etwas ganz anderes: nämlich zunächst einmal um den Erwerb, die Demonstration und die Kommunikation grundlegender Fertigkeiten....Diese Grundfertigkeiten werden schrittweise erarbeitet, und die führt man sich vor. Das ist weder Wissenserwerb noch technische Anwendung."

Tatsächlich ist die Nanotechnik - ähnlich wie die Gentechnik oder die Raumfahrt - ein solcher Zwitter. Herr Nordmann verwendet hier den Begriff "Technowissenschaft" um anzudeuten, dass diese Gebiete irgendwo zwischen Technik und Wissenschaft angesiedelt sind.

An Stelle dieses etwas aufgeblasenen Begriffs könnte man aber auch die ambitionierten Tätigkeiten vieler Nano-, Gen- oder Raumfahrttechniker einfach als "Spiel" bezeichnen. Wenn IBM-Forscher mit Hilfe eines Rasterelektronenmikroskops den Namenszug ihrer Firma aus Atomen anordnen, dann hat das keine relevante Bedeutung und schafft kein neues Wissen. Es ist reines Handeln um des Handelns willen. Ähnliches gilt für Gentechniker, die Mäusen menschliche Ohren auf dem Rücken wachsen lassen oder für Raumfahrer, die unter Schwerelosigkeit Radfahren. Allen diesen Vorhaben liegt vorrangig ein Ziel zugrunde: zu beweisen, dass man es kann!

Natürlich führen viele wissenschaftliche Erkenntnisse zu neuen Werkzeugen und Hilfsmitteln. Aber zwischen Erkenntnis der Wissenschaft und Anwendung der Technik liegt immer eine oft sehr lange Phase der Irrungen und Wirrungen. In dieser Phase ist eine zielgerichtete Vorgehensweise nur begrenzt möglich, da denkbare Ziele außerhalb der bekannten Grenzen liegen. Man muss sich langsam durch Versuch und Irrtum an diese Grenzen heran tasten. Damit ähnelt diese Phase weder der systematischen Wissenschaft noch der präzisen Technik sondern dem freien Spiel. Die Wissenschaft zeigt uns, was möglich ist. Die Technik gibt uns neue Werkzeuge - und der Mensch probiert aus, was er alles damit machen kann, lernt Wissen und Werkzeuge zu beherrschen, bis er sie wie selbstverständlich nutzt. Und wenn er es kann, zeigt er es der Welt und erfreut sich am eigenen Können.

Erst wenn diese Phase überwunden ist, vermag der Mensch souverän mit neuem Wissen und neuer Technik umzugehen. Erst jetzt kennt er - teilweise - seine Grenzen. Darin unterscheiden sich Forscher und Techniker nicht von Kindern, die Laufen oder Fahrradfahren lernen. Beharrlichkeit, Übung und Wagemut sind unabdingbare Bestandteile dieser spielerischen Aneignung neuer Möglichkeiten. Spiel ohne Risiko ist nicht möglich, genauso wenig wie Spiel ohne Spaß.

Wer trägt beim Spielen das Risiko?

Während Wissenschaftler durch ihre Tätigkeit versuchen "Spaß" zu haben (Kein Wissenschaftler wird ohne Begeisterung für sein Fach erfolgreich sein!) übernehmen sie jedoch selten das volle Risiko. Gelegentlich setzen sich Forscher selbst den eigenen Erkenntnissen aus. Meist aber müssen andere die Ideen ausbaden, sei es, dass unmittelbar an ihnen experimentiert wird (Wissenschaft und Barbarei - ein Protokoll ), dass sie für die Kosten der wissenschaftlichen Spiele aufkommen müssen (staatl. Forschung) oder dass sie mit den Konsequenzen wissenschaftlicher "Visionen" leben müssen (Wasserstoff-Bombe). Auch in der Wissenschaft findet eine Privatisierung der Erfolge und eine Sozialisierung der Misserfolge statt. Darum hat jede Gesellschaft alles Recht der Welt, Wissenschaftler an gefährlichen oder sinnlosen "Spielen" zu hindern.

«Wenn Wissenschaftler, eingeschüchtert durch selbstsüchtige Machthaber,
sich damit begnügen, Wissen um des Wissens willen aufzuhäufen, 
kann die Wissenschaft zum Krüppel gemacht werden, und eure neuen 
Maschinen mögen nur neue Drangsale bedeuten. Ihr mögt mit der Zeit 
alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt 
wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein. 
Die Kluft  zwischen euch und ihr kann eines Tages so gross werden,  
dass euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft  von 
einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte.» 

Galileo Galilei zu Andrea Sarti in «Leben des Galilei», Bertolt Brecht [1]

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